Kräuterbuschen binden
ein alter Brauch rund um den 15. August
Am 15. August, zu Mariä Himmelfahrt, werden in vielen Regionen Österreichs traditionell Kräuter gesammelt, zu Buschen gebunden und gesegnet. Besonders im ländlichen und alpinen Raum hat sich dieser Brauch bis heute erhalten.
Woher kommt die Kräuterweihe?
Die Verbindung von Pflanzen, Heilkräutern und religiösen Ritualen ist sehr alt. Bereits in vorchristlicher Zeit wurden Pflanzen für kultische Handlungen verwendet und Heilkräuter als Gaben dargebracht. Wie genau sich daraus unsere heutigen Kräuterbuschen entwickelt haben, lässt sich allerdings nicht eindeutig nachvollziehen. Historisch belegt ist die Kräutersegnung im christlichen Kontext jedenfalls seit dem Mittelalter. Quellen zur Kräuterweihe an Mariä Himmelfahrt gibt es bereits aus dem 10. Jahrhundert.
Eine Winterapotheke aus dem Sommer
Für mich ist an diesem Brauch besonders schön, dass ein Kräuterbuschen gleichzeitig auch etwas sehr Praktisches sein kann. Denn Mitte August steht eine große Vielfalt an Heil-, Gewürz- und Räucherpflanzen zur Verfügung. Traditionell wurden die daraus gebundenen Kräuterbuschen gesegnet, getrocknet und das ganze Jahr über aufbewahrt. Bei Bedarf wurden einzelne Kräuter entnommen und verwendet – zum Beispiel als Tee, als Beigabe zum Viehfutter oder zum Räuchern.
So können wir den Kräuterbuschen durchaus als etwas sehr Praktisches betrachten – als eine Art traditionelle Winterapotheke, aber auch als wunderschöne Möglichkeit, die Kräutervielfalt des Hochsommers einzufangen.
Was kommt in einen Kräuterbuschen?
Eine verbindliche Zutatenliste gibt es nicht. Je nach Region, Landschaft und dem, was gerade verfügbar war, wurden unterschiedliche Pflanzen verwendet.
Typische Pflanzen sind zum Beispiel: Königskerze, Johanniskraut, Schafgarbe, Beifuß, Frauenmantel, Kamille, Thymian, Salbei, Dost, Wermut, Baldrian, Minze oder Eisenkraut. Häufig bildet die stattliche Königskerze die Mitte. Rund um sie werden die kleineren Kräuter angeordnet. Neben klassischen Heil- und Räucherkräutern können auch Küchenkräuter eingebunden werden. Und natürlich sollten nur Pflanzen in den Buschen kommen, die man sicher bestimmen kann.
7, 9, 12 oder gleich 99 Kräuter?
Auch die Anzahl der Pflanzen war traditionell nicht dem Zufall überlassen. Je nach Region finden sich unterschiedliche Zahlen, denen eine religiöse Symbolik zugeschrieben wurde:
7 Kräuter – die sieben Schöpfungstage
9 Kräuter – dreimal drei, verbunden mit der Dreifaltigkeit
12 Kräuter – die zwölf Apostel
14 Kräuter – die vierzehn Nothelfer
24 Kräuter – zweimal zwölf für die Stämme Israels aus dem Alten Testament, die zwölf Apostel aus dem neuen Testament
72 Kräuter – sechs mal zwölf für die Apostel
99 Kräuter – dreiunddreißig mal drei für die heilige Dreifaltigkeit

Und so bindst du deinen Kräuterbuschen
Starte am besten mit einer Königskerze als Mittelpunkt. Rundherum ordnest du die anderen Pflanzen entsprechend ihrer Höhe an. Größere Pflanzen kommen eher nach innen, kleinere Kräuter und Blüten nach außen. Dabei muss dein Kräuterbuschen keineswegs wie ein perfekter Strauß vom Floristen aussehen – ganz im Gegenteil. Er darf ruhig ein wenig wild und natürlich wirken.
Anschließend hängst du den Kräuterbuschen an einem luftigen, schattigen Ort zum Trocknen auf. Möchtest du die Kräuter später als Tee oder für andere Anwendungen verwenden, achte besonders auf sauberes Pflanzenmaterial und darauf, dass die Kräuter wirklich vollständig durchgetrocknet sind.
Tipp: Wenn du die Kräuter nicht zu fest zusammenbindest, kannst du nach dem Trocknen einzelne Pflanzen leichter herausziehen und bei Bedarf verwenden.
Der Frauendreißiger – eine Erinnerung für alle Sammler:innen
Mit Mariä Himmelfahrt beginnt nach alter Überlieferung der sogenannte Frauendreißiger. Gemeint ist ungefähr die Zeit zwischen dem „Großen Frauentag“ am 15. August und dem „Kleinen Frauentag“, Mariä Geburt am 8. September; regional finden sich auch etwas abweichende Zeitangaben. Im Volksglauben galten Kräuter, die während dieser Zeit gesammelt wurden, als besonders heilkräftig. Der Frauendreißiger war deshalb eine wichtige Zeit für das Sammeln und Bevorraten von Heilpflanzen.
Für die Wirkung der Kräuter spielt der richtige Erntezeitpunkt eine wichtige Rolle. Der Gehalt an ätherischen Ölen und anderen Pflanzeninhaltsstoffen verändert sich im Laufe der Vegetationsperiode und kann auch von Tageszeit, Entwicklungsstadium, Witterung und Standort beeinflusst werden. Der optimale Erntezeitpunkt ist deshalb von Pflanzenart zu Pflanzenart unterschiedlich.
Vielleicht steckt also auch darin ein Stück Erfahrungswissen hinter diesem alten Brauch: Mitte August bietet die Natur eine besonders große Auswahl an erntereifen Kräutern, Samen, Blüten und Früchten. Und alle, die bis dahin noch nicht ans Sammeln und Bevorraten gedacht haben, werden spätestens am 15. August daran erinnert. Für mich ist der 15. August deshalb jedes Jahr ein Erinnerungsdatum: Zeit, meine Kräutervorräte durchzuschauen und zu überlegen, was noch fehlt und was ich gegebenenfalls noch sammeln möchte.
Fazit
Welche Pflanzen in deinen Kräuterbuschen kommen, darf jedes Jahr anders sein. Ich schaue am liebsten, was gerade rund um mich wächst und erntereif ist. Und selbst wenn du die Kräuter später gar nicht verwendest: Ein getrockneter Kräuterbuschen ist eine wunderschöne Erinnerung an den Hochsommer – mit seinen Düften, Farben und seiner unglaublichen Pflanzenvielfalt.